Tokio Hotel

Currently

  • unterwegs

  • Home

    Startseite
    Archiv
    Gästebuch
    Kontakt
    Abonnieren

    Fanfiction

    *klick*
    Totgeliebt
    Spring nicht

    Other

    Konzert Trier 04.05.2007
    Designs
    Link me
    Puzzles
    Umfragen
    Sprüche und Gedichte
    News
    Termine
    Bilder
    Für meine Maus
    For my other friends
    Links

    Leser online
    Gratis bloggen bei
    myblog.de

    Spring nicht:

    “Über den Dächern ist es so kalt und so still
    Ich schweig deinen Namen weil du ihn jetzt nicht hören willst“


    - Aus Bills Sicht-
    Wort für Wort fing ich an diesen Songtext zu schreiben. Was es für ein Song werden würde konnte ich noch nicht sagen. Ich wusste nur, dass er alle meine Gedanken beinhalten würde. Texte schreiben war meine Art mit der Situation umzugehen und alles was ich in der letzten Zeit erlebt hatte zu verarbeiten. Alles hatte sich nun über diesen langen Zeitraum eines halben Jahres angestaut. Und nun war die Möglichkeit da, all das, was ich miterlebt hatte aufzuschreiben. Es würde wohl einer der persönlichsten Texte werden, die ich je geschrieben hatte. Ein Text über die fast schwerste Zeit meines Lebens. Und womit sie begonnen hatte. Es war ein Abend im letzten Sommer. Ich war mit meiner Band auf Tour und meine Freundin Sue war mit dabei. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon seit ungefähr eineinhalb Jahren zusammen. Es war nicht immer einfach gewesen. Vor allem als der Erfolg mit Tokio Hotel kam, wurde es schwer. Zu diesem Zeitpunkt waren wir ein halbes Jahr zusammen und sehr glücklich. Wir wussten beide, dass es von da an schwieriger werden würde und dass wir uns selten sehen würden. Aber es funktionierte trotzdem. Wir waren genauso glücklich wie vorher. Wir konnten uns bloß wegen den Fans nicht mehr zusammen irgendwo zeigen. Wir wollten beide nicht, dass sie in die Öffentlichkeit kam. Die Tourzeit letztes Jahr im Sommer zusammen mit Sue war eigentlich schön. Bis zu dem einen besagten Abend. Sie hatte wie immer als ganz normaler Fan das Konzert miterlebt. Anscheinend ist sie dann aber früher wieder raus. Als ich nach dem Konzert mit den drei anderen Jungs von der Bühne kam, war sie nicht da. Wir waren wie immer alle zusammen im Backstage-Zelt. Nur Sue fehlte. Ich dachte, vielleicht kommt sie ja noch. Vielleicht schaffte sie es nicht durch die Fanmassen. Aber sie kam nicht. Nach einer halben Stunde war sie immer noch nicht da und ich fang mir ernsthafte Sorgen zu machen. Auch die anderen drei Jungs wunderten sich schon. Als ich es nach 5 Minuten nicht mehr aushielt, ging ich sie suchen. Der Konzertplatz war schon fast leer. Die meisten Fans waren weg und im Backstagebereich war nur noch unsere Tourcrew. Ich guckte in jedes der einzelnen Zelte. Aber nirgends war sie. Ich wollte gerade wieder voller Sorge zu den anderen gehen, als ich ein leises Schluchzen hörte. Ich drehte mich um und tastete jeden Meter mit meinem Blick ab. Ich sah nichts. Aber ich hörte es wieder. Es hörte sich an als würde jemand weinen. Ich folgte dem Geräusch, welches mich hinter eines der Zelte führte. Und da saß sie. Meine Sue. Weinend. Es schien so als sei sie in einer anderen Welt. Völlig abwesend. Sie bekam nicht mit, dass ich mich ihr näherte. Sie saß mit dem Rücken zu mir auf dem Boden und war mit irgendetwas beschäftigt. Ich rief ihren Namen, doch sie reagierte nicht. Ich ging näher an sie heran. Immer noch keine Reaktion von ihr. Ich hatte keine Ahnung, was los war, warum sie weinte und vor allem, was sie da tat. Ich sah es nicht. Und sie hatte auch den ganzen Tag nichts gesagt, dass es ihr nicht gut ginge oder so. Nein, sie war wie immer. Glücklich. Zufrieden. Sie war schon immer ein lebensfroher Mensch gewesen und genauso hatte sie sich auch den ganzen Tag verhalten. Nichts hatte darauf hingewiesen, dass etwas nicht stimmte. Alles war wie immer. Und deshalb war ich auch total geschockt in diesem Moment. Ich rief ein weiteres Mal ihren Namen und bekam auch endlich eine Reaktion von ihr. „Nein, lass mich!“, rief sie, „ich will meine Ruhe haben!“ Es wunderte mich. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und das obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon seit eineinhalb Jahren meine Freundin war und ich sie eigentlich kennen müsste. Aber diese Situation war für mich völlig neu. Ich ging noch einen weiteren Schritt auf sie zu. Auch wenn sie allein sein wollte, ich wusste, dass es falsch gewesen wäre, wenn ich in dem Moment gegangen wäre. Sie saß immer noch da wie in Trance. Ich konnte noch nicht erkennen was sie da tat. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nichts Gutes war. Denn das, was ich dann sah übertraf alles bisher an schlimmen Dingen erlebtes. Von der Trennung meiner Eltern mal abgesehen. Sue weinte immer noch. Aber es waren nicht nur Tränen die auf den Boden tropften. Nein es war auch Blut dabei gewesen. Blut, das von ihrem Arm herunter tropfte. Ihr Arm war voller Schnitte. Kleine. Große. Tiefe. Neue und auch alte. Sie hatte es wohl schon öfter gemacht. Wieso hatte ich es nicht gemerkt? Ich hätte ihr doch bestimmt helfen können. Das waren meine Gedanken damals. Ich ging noch näher an sie heran und kniete mich hinter sie. Behutsam legte ich zuerst nur eine Hand auf ihre Schulter. Ich wollte sie nicht bedrängen. Ich tat alles ganz langsam und vorsichtig. Ich rückte noch ein Stück näher an sie heran. Sue zitterte. Wie in Trance setzte sie die Klinge erneut auf ihrem Arm an. Ich merkte, dass sie trotzdem bewusst darauf achtete nicht ihre Pulsadern zu treffen. Ganz langsam und feste zog sie die Klinge über ihren Arm. 2 Sekunden später drang das Blut aus der offenen Stelle und lief ihren Arm hinunter bis es schließlich zwischen den Steinen auf dem Boden verschwand. Fast so als würden die Steine das Blut verschlingen.

    “Der Abgrund der Stadt verschlingt jede Träne die fällt
    Da unten ist nichts mehr was dich hier oben noch hält“


    Das Blut. Die roten Tränen. Die Tränen ihres Körpers. Als ich merkte, dass sie keinen Widerstand zeigte oder versuchte in irgendeiner Weise meine Arme von ihren Schultern zu drücken, umschloss ich sie noch fester. Ich wollte sie nicht überrumpeln oder einfach die klinge wegreißen. Dabei hätte entweder ihr oder mir etwas passieren können. Ich legte vorsichtig meine rechte Hand auf ihre. Es war die Hand, in der sie die Klinge hielt. Sie versuchte ihren Arm zu bewegen und erneut anzusetzen, aber ich hielt ihre Hand fest.
    „Hör auf“, flüsterte ich mit Tränen in den Augen, „das bringt doch nichts. Gib mir die Klinge.“
    Es war kein Befehl. Nur eine Bitte. Ich wollte sie nicht zwingen. Ich rechnete nicht damit, dass Sue sie mir geben würde. Aber Sue tat es. Ich legte die Klinge beiseite und rückte noch näher an meine Freundin heran. Sanft küsste ich ihren Kopf, beziehungsweise ihre Haare. „Warum machst du so was?“, fragte ich sie.
    „Ich… ich weiß… es nicht. Ich… es… es… danach geht’s mir immer besser. Es… lässt mich all den anderen Schmerz vergessen.“, antwortet Sue sehr zögernd und mit tränenerstickter Stimme.
    „Welchen anderen Schmerz?“, fragte ich weiter, „du hast nie etwas gesagt. Du hättest doch einfach mit mir reden können. Ich bin doch immer für dich da. Das weißt du doch. Du warst die ganze Zeit so glücklich. So lebensfroh. Wie immer.“
    Nun konnte ich meine Tränen auch nicht mehr zurückhalten. Ihre Antwort ließ auf sich warten.
    „Ich… Man, wie soll ich das sagen. Eigentlich geht es mir ja auch gut. Meistens. Und wenn nicht, dann… irgendwann lernt man halt zu schauspielern. Man Bill, es wurde einfach alles zu viel in der letzten Zeit. Klar, die Tour ist schön. Es ist schön, dich mal wieder ein paar Tage sehen zu können. Aber das ewige Verstecken. Ich halte das einfach nicht mehr aus. Wir können uns nirgendwo zusammen zeigen. Und wie gern würde ich so vielen Menschen zeigen, wie glücklich ich mit dir bin. Aber der ganze Medienrummel. Das ist alles nicht grade einfach für mich. Und irgendwann hab ich es halt nicht mehr ausgehalten.“
    Ich hatte immer gewusst, dass sie ihre Probleme damit hatte, aber ich hätte nie gedacht, dass es sich so auswirken würde.
    „Ach Süße, das ist für mich doch nicht viel anders. Mir macht das doch genauso zu schaffen. Aber du hättest doch einfach was sagen können. Wir hätten doch gemeinsame eine Lösung gefunden und wir werden auch jetzt eine finden. Ganz bestimmt. Wie lange machst du das schon?“
    „Seit ungefähr einem Monat. Aber nicht regelmäßig.“, antwortete sie.
    „Oh man, das hätte ich doch merken müssen. Ich meine, ich bin seit einem Monat jeden Tag mit dir zusammen. Das hätte ich doch sehen müssen. Man, jetzt mach ich mir voll die Vorwürfe. Das kann doch so nicht weitergehen. Du musst was dagegen tun. Maus. Bitte. Nicht, dass du da noch tiefer reinrutschst.“
    „Ich will aber nicht. Ich will keine Hilfe. Ich pack das auch so. Irgendwie. Mach dir bitte keine Sorgen.“
    Wie soll denn das gehen? Es ist doch logisch, dass ich mir Sorgen mache. Ich liebe dich, Sue. Und ich werde dir helfen davon loszukommen. Ich weiß zwar nicht, ob ich da der richtige Mensch für bin und ob ich dir überhaupt irgendwie helfen kann, aber ich werde es auf jeden Fall versuchen.“
    „Ja“, war das Einzige was von ihr noch kam.
    „Und jetzt komm!“ Ich stand auf, hielt ihr meine Hand hin und zog sie daran hoch. Dann bückte ich mich noch mal um die Klinge aufzuheben.
    „Die werde ich behalten.“, sagte ich noch zu ihr und dann gingen wir zurück zu den anderen.

    Ja das war die erste Begegnung mit diesem Problem gewesen, was länger anhielt als gedacht. Die erste Strophe hatte ich nun schon geschrieben und wie von alleine huschte meine Hand über das Papier.

    “Ich schrei in die Nacht für dich
    Lass mich nicht im Stich
    Spring nicht“


    Und das erste was ich nach dieser ersten Begegnung mit SVV machte, war mich darüber zu informieren. Das war am nächsten Tag. Im Internet. Ich wurde fündig und lernte viel über diese Krankheit, aber ich merkte schnell, dass ich selbst nicht viel tun konnte. Das meiste musste Sue alleine schaffen oder eine Fachkraft. Das einzige, was ich wirklich tun konnte, war ihr beizustehen und sie zu unterstützen. So vergingen dann die nächsten Tage und ich versuchte so viel Zeit wie möglich mit Sue zu verbringen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen konnte. Ich wollte sie nicht bedrängen und normalerweise würde ich sie auch nie kontrollieren, denn ich vertraute ihr, aber das hier war was anderes und ich wollte es nicht drauf ankommen lassen, dass sie sich noch mal ritzte. Und ich wusste auch nicht wirklich ob sie es noch einmal tun würde oder nicht. Denn in dieser Hinsicht hatte sie nichts zu mir gesagt oder mir was versprochen. Und ich wusste auch, dass ein Versprechen nichts bringen würde. Denn unter Druck würde sie nie damit aufhören können. Das waren alles Dinge, die ich bei meiner Suche im Internet raus gefunden hatte.

    Ich weiß nicht, ich hatte damals wirklich gedacht, Sue würde es nach diesem einen Mal, wo ich sie erwischt hatte, nie wieder machen. Aber bei diesen Gedanken war ich sehr naiv, denn eigentlich wusste ich ja, dass es eine Krankheit ist, die nicht so schnell wieder vorbei geht. Und genau damit wurde ich dann bald wieder konfrontiert. Ich konnte Sue ja auch niche24 Stunden lang kontrollieren oder was auch immer. Klar, es war logisch, dass wir so viel Zeit miteinander verbrachten, wie es nur ging. Aber ich musste nun mal auch arbeiten. Und es gab viele andere Situationen, in denen ich nicht bei ihr sein konnte. Zum Beispiel wenn ich grade duschte. So wie an diesem einen Tag, wo ich sie wieder dabei „erwischte“. Ich kam gerade aus dem Bad zurück in unser Hotelzimmer, als ich sie dort sitzen sah. Auf dem Bett. Zusammengekauert. Weinend. Mit einem Taschentuch in der Hand, welches rote Flecken hatte. Sie sah total hilflos und verzweifelt aus. So hatte ich meine Sue noch nie zuvor erlebt. Auch nicht an diesem einen Abend, wo ich sie das erste Mal fand. Und nun schon wieder. Warum? Warum nur? Das fragte ich mich in diesem Moment und auch noch einige Male öfter. Ich ging langsam auf sie zu. Wieso hatte sie denn nichts gesagt? Ich verstand es damals noch nicht. Sie hätte zu mir kommen können und das wusste sie doch auch, das dachte ich damals. Ich hätte ihr doch bestimmt geholfen. Natürlich hätte ich das getan. Sie war schließlich meine Freundin. Wir hätten doch eine andere Lösung gefunden. Ich trat nun ganz nah an sie heran und setzte mich neben sie. Vorsichtig legte ich einen Arm um sie, mit der anderen Hand fasste ich nach ihrer Hand, in der sie die Klinge hielt, um ihr diese wieder wegzunehmen.
    „Warum machst du das schon wieder? Du weißt doch, du sollst es mir sagen, wenn was nicht stimmt und nicht so was machen.“, sagte ich zu ihr und hatte schon wieder Tränen in den Augen.

    Diese Sache nahm mich ganz schön mit. Ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Denn im Grunde war ich doch daran schuld. Wäre ich nicht mit Tokio Hotel so erfolgreich geworden, dann… Ach man solche Gedanken brachten doch auch nichts. Denn eigentlich liebte ich es ja. Das Singen. Auf der Bühne zu stehen. Das Berühmtsein. Aber es brachte auch so viele negative Dinge mit sich. Viele denken immer, als Star hat man es leicht, bekommt alles und muss nichts machen. Doch nur die Wenigsten wissen, wie es wirklich ist. Die vielen Schattenseiten.

    “Die Lichter fangen dich nicht
    Sie betrügen dich
    Spring nicht“


    Wie ging es an diesem einen Tag weiter?
    „Bill, du verstehst das nicht. Das ist nicht so einfach wie du vielleicht denkst. Ich kann in solchen Situationen nicht reden. Wenn der Drang da ist, ist mein restlicher Wille zu schwach. Ich habe nicht die Kraft dagegen anzukämpfen oder mit jemandem darüber zu reden. Es ging einfach nicht. Verstehst du? Es ging nicht. Auch wenn ich weiß, dass du für mich da bist. Es tut mir Leid.“, antwortete sie mir langsam mit vielen Pausen in denen sie sich die Tränen wegwischen musste.
    „Ach Süße. Ich würde dir aber so gerne helfen. Es ist so schrecklich, wenn ich dich so leiden sehe, wenn du da so hilflos und verzweifelt sitzt. Das tut mir auch weh. Aber es ist okay, ich möchte dir keine Vorwürfe machen. Das ganze ist schon schlimm genug. Ich hoffe bloß, dass du da bald raus kommst. Im Grunde bin ich ja daran schuld.“ Ich war mittlerweile ebenfalls total am Ende, doch ich riss mich zusammen. Ich musste nun stark sein für Sue.
    „Nein, Bill. Du bist nicht schuld. Ich würde niemals jemand anderem die Schuld hierfür geben. Das hab ich ganz allein zu verantworten. Ich will das doch selber nicht, aber ich kann einfach nicht anders. Mir fehlt die Kraft. Ich würde es gern ändern, aber es geht einfach nicht. Und ich möchte dich auch nicht verletzen, Bill. Aber wenn der Drang so stark ist, dann denk ich nicht mehr darüber nach, wie es anderen Menschen dabei geht. Was ich zum Beispiel dir damit antue. Das ist dann wie vergessen…“, erklärte Sue mir immer mehr über die Sache und langsam fing ich an alles zu verstehen und nachvollziehen zu können.
    „Man Sue, das hört sich voll schlimm an irgendwie. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Dass… dass du davon so… so abhängig bist. Irgendwie hört sich das so schlimm an. Voll heftig…“
    Diese Situation war so heftig. Ich war leicht überfordert und es war so schlimm, das zu hören.
    „Du hälst mich für krank, oder?“, fragte Sue dann plötzlich.
    Mit dieser Frage hatte ich gar nicht gerechnet und deshalb wusste ich auch erst mal nicht, was ich sagen sollte. Ich überlegte ein bisschen. Diese Abhängigkeit war ja schon eine Art Krankheit, aber das so zu sagen wäre falsch. Deshalb:
    „Ich halte dich nicht für bekloppt oder so, aber ich denke mit Krankheit hat das schon was zu tun.“, sagte ich schließlich.
    „Vielleicht.... Vielleicht hast du Recht.“, antwortete Sue nach einer Weile, „Bill, ich möchte es so gerne ändern, aber ich kann es nicht. Nicht alleine. Ich schaff das einfach nicht. Ich hab keine Kraft dafür. Und es hat doch sowieso keinen Sinn, was dagegen zu tun. Woher weiß ich dann, dass ich es nicht wieder tue? Nur weil ich es irgendwann vielleicht länger nicht mehr gemacht hab, heißt das noch lange nicht, dass ich es nie wieder tue. Und im Moment hab ich einfach Angst vor der Zeit nach der Tour. Wenn ich wieder zur Schule muss und wir uns nicht mehr so oft sehen. Ich weiß nicht, wie ich das dann packen soll. So alleine. Ohne dich macht doch nichts mehr Sinn.“
    Während sie das sagte, fing sie wieder heftiger an zu weinen und ich konnte mich auch nicht mehr zurück halten. Ich drückte sie ganz fest an mich.
    „Aber ich bin doch trotzdem da. Zwar nicht persönlich, aber du kannst mich jederzeit anrufen. Egal ob Tag oder Nacht oder was auch immer. Wenn irgendwas ist, ruf einfach an. Am liebsten würde ich dich gar nicht alleine lassen. Ich hab Angst um dich. Richtige Angst. Ich möchte dich einfach nicht verlieren. Und was ist wenn dabei mal irgendwas passiert?“, fragte ich sie.
    „Es wird nichts passieren. Ich pass doch auf. Ich will nicht sterben. Ich will bloß den seelischen Schmerz wenigstens für einzelne Momente vergessen können. Und das ist die einzige Möglichkeit.“
    „Ach Sue. Wie konnte es nur so weit kommen? Ich hätte das doch merken müssen.“ Ich dachte noch mal darüber nach. Es war nichts in irgendeiner Weise merkwürdiges gewesen ab dem Zeitpunkt, an dem sie es zum ersten Mal gemacht hatte. Das war vor etwas über einem Monat gewesen. Nie hatte sie sich komisch verhalten. Und man hat auch nie nur eine Ihre Narben gesehen.
    „Du konntest es nicht merken. Wozu gibt es schließlich Make-Up? Man hat nichts davon gesehen. Ich wollte schließlich nicht, dass irgendjemand was davon erfährt. Ich hab gedacht, ich würde es alleine schaffen können. Aber das geht wohl nicht.“, antwortete Sue mir.
    „Aber du musst es auch nicht alleine schaffen. Ich werde dir doch dabei helfen. Das Einzige, was du tun musst, ist, mit mir zu reden wenn irgendwas ist.“
    Ich wollte ihr doch so gerne helfen. Ich dachte mir, zusammen können wir alles schaffen.

    “Erinner dich
    An dich und mich
    Die Welt da unten zählt nicht
    Bitte spring nicht“


    Wir zwei zusammen. So wie es früher war. Vorher. Bevor sie damit angefangen hatte. Und vielleicht auch vor dem Erfolg. Dieses halbe Jahr, was wir zusammen hatten, bevor das vor eineinhalb Jahren mit Tokio Hotel angefangen hatte. Damals war alles noch in Ordnung. Es gab keine Probleme oder Schwierigkeiten. Klar, auch damals im Sommer, wo das mit dem Ritzen angefangen hatte, war sonst auch alles in Ordnung gewesen. Und das war es immer noch. Auch heute. Ungefähr ein halbes Jahr später. Jetzt, wo ich hier sitze und alles in einem Songtext verarbeite. Und Sue wohl bei sich zu Hause sitzt. Ich hoffe es geht ihr gut und sie fühlt sich nicht mehr so einsam und leer. Wie sonst wenn wir nicht zusammen waren, Ich konnte es ja nachvollziehen, denn so fühle ich mich dann auch oft. Aber ich hab immer noch meine Musik und die Band. Meinen Bruder. Und die anderen beiden. Und Andi, mein bester Freund, der sich hoffentlich ein bisschen um Sue kümmert. Und ich hoffte, dass ich es geschafft hatte, ihr wieder einen Sinn zu geben. Denn sie sah keinen mehr. Die Schule und andere Dinge waren ihr egal geworden. Gleichgültig. Das Einzige, was sie wollte, war Liebe. Aber die konnte ich ihr nicht wirklich geben, wenn ich nicht da war. Und ich wusste, wie Sue in der Hinsicht war. Sie hatte so oft schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und freute sich immer sehr darüber, wenn ihr jemand sagte oder zeigte, dass er sie mochte. Und somit wusste ich nun, dass ihr das fehlte. Aber zum Glück war Andi ja da. Er war nicht nur mein bester Freund, sondern auch ihrer. Über meine Gedanken fielen mir ein paar weitere Zeilen ein. Ich schrieb sie auf:

    “In deinen Augen scheint alles sinnlos und leer
    Der Schnee fällt einsam, du spürst ihn schon lange nicht mehr“


    Immer wenn sie wieder in so einer Situation war, spürte sie sonst nichts mehr. Sie nahm nichts mehr wahr, war in einer Art Trance versunken. Sie bekam nicht mit was um sie herum geschah. In diesen Momenten hatte sie ihre eigene Welt. Die Welt des Schmerzes. Die Welt, in der ihr körperlicher Schmerz lieber war als seelischer. Dann, wenn sie lieber alleine war. Doch das sollte sie nicht sein. Sie sollte nicht alleine sein. Ich wollte bei ihr sein und das mit ihr gemeinsam durchstehen. Denn ich war mir sicher, wir würden es schaffen. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen. Vielleicht auch nicht in einer Woche oder einem Monat. Aber irgendwann. Irgendwann würde sie sich nicht mehr ritzen zu brauchen. Irgendwann. Irgendwann wäre sie nicht mehr so verloren wie sie es jetzt war. All das dachte und hoffte ich in dieser Zeit. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sich dieses “irgendwann“ so lange hinziehen würde. Dafür wurde mir aber von Tag zu Tag bewusst, dass ich unbedingt mehr tun musste, als für Sue da zu sein. Denn sonst würde ich sie früher oder später verlieren. Ans Ritzen verlieren. An ihre eigene Welt verlieren.

    “Irgendwo da draußen bist du verloren gegangen“

    Mir wurde schnell bewusst, dass sie es alleine nicht schaffen würde. Aber Hilfe wollte sie auch nicht. Das Einzige, was sie annahm, war, dass ich für sie da sein würde und sie zu mir kommen konnte. Aber sie nutzte es auch nicht immer. Mal kam sie zu mir und redete mit mir. Mal kam sie nicht und ritzte sich. Ich erwischte sie nicht jedes Mal dabei, aber sie erzählte mir immer davon. Sue sagte, sie könnte es nicht vor mir geheim halten. Ich war froh darüber, dass sie mir immer davon erzählte. Es wäre zwar besser gewesen, wenn sie mir von Anfang an immer sofort gesagt hätte, dass es ihr nicht gut geht und nicht nur manchmal, aber ich war froh, dass sie es mir sagte und mir in dieser Hinsicht so sehr vertraute. Denn ich war ungefähr 2 Monate lang, die einzige Person gewesen, die davon wusste. Keiner sonst hatte es gemerkt. Erst an einem Tag, an dem die Situation eskalierte, bekamen auch die anderen etwas mit. Am Abend vorher war wieder ein Konzert gewesen und am nächsten Morgen, eben diesem einen Tag, konnten wir ausschlafen, da wir erst drei Tage später das nächste Konzert spielen würden. Aber als ich aufwachte war Sue nicht da. Zuerst dachte ich noch, dass sie vielleicht im Bad war, oder schon frühstücken. Aber ich fand sie nicht. Auch bei den anderen dreien, war sie nicht. Und dadurch bekamen dann auch Tom, Gustav und Georg was mit. Wir gingen zu erst alle zu David und informierten ihn darüber. Er sagte, wir sollten noch eine Stunde warten, sie würde bestimmt früher oder später wieder auftauchen. Aber ich wollte nicht warten. Und ich konnte es auch nicht. Also ging ich erst mal zurück in unser Zimmer um mich zu verkleiden. Anschließend machte ich mich auf die Suche nach Sue. Unser Hotel lag ein bisschen außerhalb. In der Nähe eines Waldes. Schon am Tag zuvor hatte Sue gesagt, dass ihr dieser Ort gefiele. Ich vermutete, dass sie hier irgendwo rum lief. Ich suchte und suchte. Durchquerte fast den ganzen Wald. Und mit meiner Vermutung hatte ich nicht Unrecht. Ich fand sie schließlich an einem Ende des Waldes. In der Nähe eines kleinen Baches. Sie saß auf dem Boden. Die Beine angezogen. Die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf den Knien liegend. Langsam ging ich zu ihr. Ich wollte sie nicht erschrecken, deshalb blieb ich in einiger Entfernung stehen. Leise rief ich ihren Namen. Sie reagierte nicht. Ich ging noch einen Schritt auf sie zu. Ein weiteres Mal rief ich sie. Wieder nichts. Ihr war doch hoffentlich nichts passiert?! Dieser Gedanke schoss mir sofort durch den Kopf. Noch einen Schritt näherte ich mich und rief nach ihr. Dieses Mal lauter. Und sie reagierte. Langsam hob sie ihren Kopf und drehte sich um. Sie sah mich an. Ihr Gesicht ganz rot und voller Tränen. Blutspuren, die wohl eigentlich von ihren Armen stammten, überall verteilt. Auf ihren Armen waren die meisten. Ich lief auf sie zu und schloss sie sofort in meine Arme.
    „Sue… wieso… was hast du gemacht? Warum… hast du nichts gesagt und bist einfach weggelaufen. Ich… ich hab mir solche… Sorgen gemacht. Ich hab gedacht, du würdest dich umbringen oder so. Ich hab mich so erschrocken als du nicht da warst.“
    Sie antwortete erst mal eine Weile gar nicht, sondern weinte noch mehr und drückte sich fest an mich. Ich ließ sie erst mal, damit sie sich wieder ein bisschen beruhigen konnte, denn sie war ziemlich aufgewühlt. Bei genauerem Gucken, merkte ich, dass sie sich noch nicht einmal umgezogen hatte, sondern einfach in ihren Schlafsachen raus gerannt ist.
    „Ist dir nicht zu kalt?“, fragte ich sie.
    „Nein“, meinte sie, zitterte jedoch. Doch das Zittern hatte nichts mit Kälte zu tun, das wusste ich schon. Langsam fand sie ihre Stimme wieder:
    „Ich… es… es tut mir leid, Bill. Ich hatte einen Alptraum und dann bin ich aufgewacht. Du hast noch so friedlich geschlafen. Ich wollte dich dann einfach nicht wecken. Und dann konnte ich nicht mehr schlafen und wollte nur noch raus. Es war ja sowieso schon hell. Na ja und dann bin ich hier hin gerannt und dann ist es halt passiert. Aber nach dem Traum… das hier soll das letzte Mal gewesen sein. Ich wollte hiermit abschließen und dann noch einmal von vorne anfangen.“
    Als ich das hörte, waren meine Gefühle gemischt. Ich freute mich, dass sie diesen neuen Kampfgeist hatte. Aber, dass sie sich noch mal geritzt hatte, war natürlich nicht toll. Aber vielleicht war es einfach nötig gewesen. Vielleicht müsste es so sein. Und in diesem Moment hoffte ich einfach nur, dass sie es schaffen würde. Und ich glaubte daran.

    “Du träumst von dem Ende um noch mal von vorn anzufangen

    Ich schrei in die Nacht für dich
    Lass mich nicht im Stich
    Spring nicht
    Die Lichter fangen dich nicht
    Sie betrügen dich
    Spring nicht
    Erinner dich
    An dich und mich
    Die Welt da unten zählt nicht
    Bitte spring nicht“


    „Sue, das zu hören… ist…na ja einerseits natürlich toll. Zumindest, dass du wieder kämpfen möchtest. Ich glaub an dich. Du schaffst das. Zusammen schaffen wir das. Ganz bestimmt. Ich werde dich auf jeden Fall unterstützen. Ich liebe dich und ich möchte, dass es wieder so wird wie früher. Wir und vor allem du kannst das hinter dir lassen. Da glaub ich ganz fest dran.“
    Ich drückte sie noch einmal feste, stand dann auf und hielt ihr meine Hand hin:
    „Na komm“, sie erhob sich langsam und wir blieben noch einen Moment voreinander stehen. Unsere Gesichter näherten sich und wir küssten uns. Von da an war auch mir klar, es würde ein neuer Anfang sein. Und der war es auch. Jetzt, ungefähr ein halbes Jahr später, waren wir glücklicher als je zuvor und Sue war wieder ganz die alte. Klar, zeitweise war es nicht einfach gewesen und ich zweifelte oft an meiner Hilfskraft. Aber letztendlich hatten wir es geschafft und das war die Hauptsache.

    “Ich weiß nicht wie lang
    Ich dich halten kann
    Ich weiß nicht wie lang

    Nimm meine Hand
    Wir fangen noch mal an
    Spring nicht“


    Damals an diesem einen Tag hatten natürlich auch David, Tom, Gustav und Georg von der ganzen Sache erfahren und waren reichlich geschockt. Sue erzählte ihnen die ganze Geschichte. Freiwillig. Sie dachte, sie wäre eine Erklärung schuldig. Und ich denke, dass es auch insgesamt besser war, wenn die anderen alles wussten. Ihre Eltern hatten nie etwas davon erfahren, denn als die Tour um war, waren die Narben weitestgehend verheilt.

    Gerade war Sue wieder für ein Wochenende bei mir gewesen. Ihr ging es wirklich gut. Sie sagte zwar, dass es manchmal noch ziemlich schlimm war, aber sie kam zurecht. Sie hat sich bis jetzt nie mehr wieder geritzt. Ich war stolz auf sie. Wir hatten an diesem Wochenende noch einmal über alles geredet und deshalb kam es jetzt auch dazu, dass ich einen Song darüber schrieb. Es half mir, auch endlich alles zu verarbeiten. Die schlimme Zeit war nun worüber. Damit war ich mir sicher. Und mit dem Lied konnten wir vielleicht auch anderen Mut machen.

    “Ich schrei in die Nacht für dich
    Lass mich nicht im Stich
    Spring nicht
    Die Lichter fangen dich nicht
    Sie betrügen dich
    Spring nicht
    Erinner dich
    An dich und mich
    Die Welt da unten zählt nicht
    Bitte spring nicht

    Spring nicht


    Und hält dich das auch nicht zurück
    Dann spring ich für dich“